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TOURISMUS
Hotelbuchungsportale - deutsche Hoteliers beklagen Marktmacht
Kernthesen
  • Im europaweiten Gesamtreisemarkt weisen Internetbuchungsportale in 2012 das höchste Wachstum aus.
  • Die drei großen Player Expedia, Booking.com und HRS dominieren in Deutschland den Markt für Hotelbuchungen im Internet.
  • Deutsche Hoteliers wehren sich gegen die Marktmacht der großen Hotelbuchungsportale.
 
Beitrag
Der europäische Onlinereisemarkt wächst stärker als der Gesamtreisemarkt. Der Vertriebskanal Buchungsportale weisen dabei das höchste Wachstum auf. In Deutschland sind die großen Hotelbuchungsportale umstritten. Die drei dominierenden Anbieter spielen hierzulande ihre Marktmacht aus, was sich in den Kosten und den Vertragsklauseln wiederspiegelt. Das Kartellamt hat sich angesichts der Situation eingeschaltet, Ausgang noch offen. Als Gegenmittel wollen die deutschen Hoteliers vor allem den Direktvertrieb stärken.

Internetbuchungsportale wachsen im europaweiten Reisemarkt am stärksten

Der europäische, über Reisebüros, Internetbuchungsportalen und Reiseveranstalter abgewickelte Reisemarkt soll 2012 aufgrund der wirtschaftlichen Probleme in vielen Staaten des Kontinents nach Schätzungen lediglich um 2,5 Prozent auf rund 242 Milliarden Euro wachsen. Dabei kommt es laut dem Marktforschungsunternehmen PhoCusWright zu einer weiteren Verschiebung hin zu Internetanbietern. Der klassische Direktvertrieb und der Verkauf über Reisebüros dagegen verlieren an Bedeutung. Denn der europäische Onlinereisemarkt wird laut der PhoCusWright-Studie "European Online Travel Overview mit zehn Prozent viermal so stark zulegen. Aber das Wachstum ist rückläufig, in 2011 betrug das Plus noch 17 Prozent. Wachstumstreiber bei den Onlineverkäufen waren Internetbuchungsportale wie Expedia, Booking.com oder HRS. Ihr Wachstum schätzt PhoCusWright 2012 sogar auf 13 Prozent. Die direkt auf Anbieter-Websites getätigten Buchungen sollen dagegen nur um acht Prozent zulegen.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen die Onlinebuchungsportale mit 19 Prozent den größten Anteil bei den elektronischen Buchungen ein. Dabei ist der Anteil in Deutschland mit 20 Prozent am höchsten. In der Schweiz sind es 16 Prozent und in Österreich 13 Prozent. (1), (2)


Drei Anbieter beherrschen den deutschen Markt der Internethotelbuchungsportale

In Deutschland haben sich wenige Internethotelbuchungsportale den Markt fast unter sich aufgeteilt. Größter Spieler bei den Onlinehotelbuchungen ist HRS. Das Kölner Unternehmen kommt mit seinem Portalen HRS.de, Hotel.de und dem deutschen Marktanteil des Alpenreiseportals Tiscover insgesamt auf einen Marktanteil von 50,6 Prozent. Dahinter folgt Booking.com mit 28,5 Prozent. Expedia kommt mit seinen Portalen Expedia, Venere und Hotels.com in Deutschland auf einen Marktanteil von 7,6 Prozent. Zusammen kommen die drei größten Portale auf einen Marktanteil von rund 90 Prozent. Angesichts der Übermacht der drei Big Player ist die Marktbedeutung anderer Hotelbuchungsportale nahezu irrelevant. (3), (4), [Abb. 1], [Abb. 2]

Diese Marktmacht spiegelt sich in den Provisionen wieder, die Hoteliere bei der Buchung eines Besuchers in ihrem Hotel an die Portale zahlen müssen. HRS ist das Portal mit den günstigsten Provisionen. Pro Buchung zahlt der Hotelier dort 15 Prozent der angegebenen Rate. Bei Expedia beträgt die Basisprovision 15 Prozent, für Extras wie bessere Listungen zahlt der Hotelier zusätzlich. Booking.com macht zu den Provisionen keine eigenen Angaben. Mehrere Hoteliers berichten von einer Basisprovision von zwölf bis 15 Prozent. Sogenannte Preferred Partner zahlen 18 Prozent, um weitere oben gelistet zu sein. Für einen der obersten Listenplätze liegen die Provisionen bei bis zu 50 Prozent. Auch bei den Vertragsklauseln spielen die Portale ihre Marktmacht aus. An der Ratenparität, das heißt auf allen genutzten Vertriebskanälen muss ein Hotel Endkunden die gleichen Zimmerpreise anbieten, halten alle Portale fest. Diese Praxis wird jedoch zurzeit vom Bundeskartellamt überprüft. Auch die Verfügbarkeitsparität ist fester Bestandteil der Geschäftsbedingungen aller Portale. Verfügbarkeitsparität bedeutet, dass ein Hotel den Buchungsportalen Verfügbarkeiten bietet, die mindestens genauso vorteilhaft sind wie die, die einem Wettbewerber angeboten werden. Die Stornierungsbedingungen kann der Hotelier Expedia selbst festlegen. Bei Booking.com kann der Gast das Zimmer bis zu 24 Stunden vor Anreise kostenlos stornieren, bei HRS bis 18 Uhr am Anreisetag. (5)


Kritik an der Marktmacht der Hotelbuchungsportale

Zwar bringen die Buchungsportale den Hotels Zugang zu Millionen potenziellen Kunden, die im Direktvertrieb schwer zu erreichen sind. Dennoch stehen sie in der Kritik, da die Portale den Handlungsspielraum der Hoteliers durch Klauseln wie der Ratenparität einschränken. So hoffen die Hoteliers, dass das Bundeskartellamt in seinem aktuellen Prüfverfahren zu dem Schluss kommt, dass die Bestpreisklausel von HRS aufgehoben werden muss. Denn Anfang 2012 hat das Kartellamt HRS wegen seiner Bestpreisklausel abgemahnt. Aber auch im Ausland regt sich Widerstand. Die niederländische Verbraucherzentrale zeigte bei der Kartellbehörde einen Machtmissbrauch wegen Preisabsprachen von Expedia und Booking.com an. In Großbritannien mahnte die Wettbewerbsbehörde Booking.com, Expedia und die Intercontinental Hotels Group als größte Hotelkette im Markt ab. Der Schweizer Hotelverband Hotelleriesuisse hat erwirkt, dass die Wettbewerbskommission die Geschäftsbedingungen von Buchungsportalen kartellrechtlich überprüft. Im Fokus stehen Booking.com, HRS und Expedia und deren Bestpreis- und Verfügbarkeitsgarantien. Auch in Österreich ist die Bundeswettbewerbsbehörde tätig. In Norwegen haben Medienberichten zufolge einige Hotelketten angekündigt, die Zusammenarbeit mit der Expedia-Tochter Hotels.com wegen zu hoher Provisionen zu beenden. Expedia wurde 2011 in Frankreich wegen unlauterer Geschäftspraktiken verurteilt. (6), (7), (12)

Hoteliers können dieser Marktmacht nur wenige Mittel entgegensetzen. Sie können die Abhängigkeit reduzieren, indem sie den Direktvertrieb stärken, beispielsweise Stammkunden durch persönliche Betreuung und Mailings pflegen und die eigene Hotelwebsite für Suchmaschinen optimieren. (2)

 
Fallbeispiele

HGK - neuer Player soll großen Portalen Paroli bieten

Die Einkaufsgenossenschaft HGK will ihre Mitglieder im Kampf gegen hohe Provisionen der großen Player im Markt für Internetreisebuchungen unterstützen. HGK will mit dem neuen Onlinevertriebsprojekt Portal Hotelnex Paroli bieten. Die Provision für eine Buchung auf der hoteleigenen Website soll 1,50 Euro betragen. Die Provision für Buchungen, die über das Portal Hotelnex kommen, beläuft sich auf fünf Prozent von der angegebenen Rate, für Nicht-HGK-Mitglieder auf sechs Prozent. Die Nutzung des Hotelnex-Channelmanagers kostet pauschal 50 Euro im Monat. Hotels, die bereits einen Channelmanager haben, können das Angebot der HGK zusätzlich nutzen und zahlen dann 25 Euro im Monat. Angebunden sind im Basispaket HRS, Expedia, Hotel.de, Booking.com und Venere. Weitere Portale können modular dazugebucht werden. Die Sicherungseinlage, die teilnehmende HGK-Mitglieder bei Hotelnex zahlen müssen, beläuft sich auf 1 000 Euro. Nicht-HGK-Mitglieder zahlen 1 200 Euro.

Wie soll das Portal beim Endverbraucher bekannt werden? Zum einen setzt die HGK auf die Gemeinschaft unter den Hoteliers. Sie sollen ihre Gäste persönlich, mit Flyern, QR-Codes und ähnlichem auf Hotelnex aufmerksam machen. Zum anderen gibt es aber bei der HGK einen Marketingetat für klassische Werbung, der im einstelligen Millionenbereich liegen soll. Die Kampagne soll im Januar starten. Ende Februar 2013 soll Hotelnex nach eigenen Angaben mit 750 inhabergeführten Hotels an den Start gehen. (8), (9)


HRS: neues Siegel soll bei Hotelsuche helfen

HRS zeichnet seit November 2012 besonders kundenfreundliche Hotels mit dem neuen Siegel Top Quality Hotel aus. Das Siegel wird auf in der Hotelliste des Portals angezeigt und soll den Usern bei der Hotelsuche helfen. Um das Siegel zu erhalten, müssen Hotels nicht nur zufriedene Kunden vorweisen, sondern auch flexible Buchungsbedingungen und kostenfreie Zusatzleistungen bieten. Fester Bestandteil des Siegels ist außerdem die Sicherheit, dass ein Hotelzimmer über HRS mindestens so günstig angeboten wird wie in allen anderen Kanälen. (10)


Expedia schluckt Hotel-Plattform Trivago

Expedia kauft in Deutschland zu. Das Onlinereisebüro steigt mehrheitlich bei Trivago ein. Für 61,6 Prozent der Anteile an dem Düsseldorfer Spezialisten für Hotelsuche zahlt Expedia 477 Millionen Euro. Trivago ging vor sieben Jahren an den Start. Nutzer finden über die Suche mehr als 600 000 Hotels von über 140 Buchungsseiten in mehr als 30 Ländern und 23 Sprachen. Den auf Cost-per-Click basierten Umsatz hat Trivago nach eigenen Angaben seit 2008 jedes Jahr verdoppelt. Für das Jahr 2012 wird ein Nettoumsatz von rund 100 Millionen Euro erwartet. Die Übernahme muss noch von den Wettbewerbsbehörden genehmigt werden. (11)

 
Zahlen & Fakten
  
Abbildung 1: Drei Anbieter beherrschen den deutschen Hotelbuchungsmarkt im Internet

Zahlen entnommen aus: der hotelier - das ideenmagazin in der AHGZ, 50/2012, S. 8, (3)
Abbildung 2: Die drei großen Anbieter von Portalen in Deutschland
AnbieterPortaleUnique User in Millionen
HRSHRS8
Hotel.de/Hotel.info4
Tiscover.vomk.A.
BookingBooking.com>30
ExpediaExpedia.de, Hotels.com, und andere Reisewebsites wie Venere, Elong, Egnecia>50

Quelle: AHGZ Entnommen aus: Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung, 43/2012, S. 5, (5)
 
Weiterführende Literatur
 (1.)
Online-Dynamik in Europa ohne Ende? Jein
aus T.A.I. Tourismuswirtschaft Austria & International Nr. 37 vom 21.12.2012, Seite 4
 (2.)
HRS und Co. auf dem Vormarsch
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 17 vom 21.04.2012, Seite 1
Autor:Kinkopf, Heike
 (3.)
Die großen Portale haben ihre Tücken
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 50 vom 08.12.2012, Seite 8
Autor:Kwidzinski, Raphaela
 (4.)
Keine Kartelle im Netz
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 14 vom 31.03.2012, Seite 2
Autor:Lehmann, Uwe
 (5.)
Die Best-Preis-Klausel fordern alle Portale
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 43 vom 20.10.2012, Seite 5
Autor:Kwidzinski, Raphaela
 (6.)
Spiel mit dem Feuer
aus T.A.I. Tourismuswirtschaft Austria & International Nr. 2135 vom 14.12.2012, Seite 2
 (7.)
Protestwelle gegen Portale
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 52 vom 22.12.2012, Seite 7
Autor:Kwidzinski, Raphaela
 (8.)
5 statt 15 Prozent Provision
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 49 vom 01.12.2012, Seite 5
Autor:Schmolke, Alexander
 (9.)
HGK reagiert auf Kritik an Hotelnex
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 51 vom 15.12.2012, Seite 4
Autor:Kwidzinski, Raphaela
 (10.)
HRS vergibt Qualitätssiegel
aus Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung Nr. 40 vom 29.09.2012, Seite 4
Autor:Kwidzinski, Raphaela
 (11.)
Expedia schluckt Hotel-Plattform Trivago
aus HORIZONT.NET vom 27.12.2012
 (12.)
Platzt die Ratenparität?
aus FVW - international Nr. 19 vom 20.09.2012, Seite 44
Autor:Pracht, Sabine
Autor GENIOS BranchenWissen: Markus Hofstetter
Quelle:
GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 22.01.2013
Dokumentnummer:
s_tou_20130122
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